{"id":269,"date":"2010-05-12T13:03:46","date_gmt":"2010-05-12T13:03:46","guid":{"rendered":"http:\/\/rudi.puettstadt.de\/?p=269"},"modified":"2018-06-21T13:05:28","modified_gmt":"2018-06-21T13:05:28","slug":"zementmuseum-beckum-eroeffnet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/rudolf-grothues.de\/?p=269","title":{"rendered":"Zementmuseum Beckum er\u00f6ffnet"},"content":{"rendered":"<div class=\"articleText1\">\n<figure id=\"attachment_270\" aria-describedby=\"caption-attachment-270\" style=\"width: 524px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-270\" src=\"http:\/\/rudi.puettstadt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/image-69.png\" alt=\"\" width=\"524\" height=\"251\" srcset=\"http:\/\/rudolf-grothues.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/image-69.png 524w, http:\/\/rudolf-grothues.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/image-69-350x168.png 350w, http:\/\/rudolf-grothues.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/image-69-300x144.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 524px) 100vw, 524px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-270\" class=\"wp-caption-text\">Im Labor des neuen Beckumer Zementmuseums waren (v. l.) B\u00fcrgermeister Dr. Karl-Uwe Strothmann, der Heimatvereins-Vorsitzende Dieter Gro\u00dfe Sudhues und Festredner Dr. Rudolf Grothues beeindruckt von der gelungenen Einrichtung (Bild: W. Krogmeier, Die Glocke v. 13.05.2010)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Festansprache zur Er\u00f6ffnung des Beckumer Zementmuseums am 12.05.2010 durch Dr. Rudolf Grothues, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Geographischen Kommission f\u00fcr Westfalen und stellv. B\u00fcrgermeister der Stadt Beckum:<\/strong><\/p>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<br \/>\nich bin gerne der Bitte nachgekommen, zur Er\u00f6ffnung des Beckumer Zementmuseums einen Festvortrag zum Thema \u201eStrukturwandel im Zementrevier\u201c zu halten. Nicht nur, weil ich mich seit Jahren f\u00fcr das Thema Zementrevier Beckum und Zementmuseum Beckum engagiert und interessiert habe, sondern weil ich auch die ehrenamtliche Leistung dieser vier Beckumer B\u00fcrger &#8211; ich w\u00fcrde sie einmal Aktivsenioren bezeichnen &#8211; von ganzem Herzen w\u00fcrdigen m\u00f6chte.<br \/>\nWir er\u00f6ffnen heute das Beckumer Zementmuseum. Wer h\u00e4tte das vor einigen Jahren oder Jahrzehnten gedacht. Zement, Maloche, Staub und nun Museum, Kultur, Tourismus. Bisher waren das Gegens\u00e4tze. Das eine hatte mit dem anderen eigentlich nichts zu tun. Kulturtourismus in Beckum &#8211; das gab es doch gar nicht!<\/p>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<div class=\"articleText2\">\n<p>Weit gefehlt! Bzw. die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert: In der Wissenschaft sagen wir: Es fand ein Paradigmenwechsel, also eine Ver\u00e4nderung der Sichtweisen, statt. Heute sehen wir die Zeit der zementindustriellen Entwicklung Beckums mit anderen Augen. Heute sch\u00e4men wir uns nicht mehr, aus einer Stadt zu kommen, in der es dreckig war. Mittlerweile w\u00e4chst in Beckum so etwas wie Stolz \u00fcber die Zementgeschichte, stolz darauf, dass weite Teile des Wiederaufbaus nach dem Krieg mit Beckumer Beton und Zement geschaffen wurde. Und in dieser Zeit der ge\u00e4nderten Ansichten kommen diese vier Aktivsenioren mit einem Zementmuseum \u201eum die Ecke\u201c, und werden &#8211; und das ist das Neue und damit der Paradigmenwechsel &#8211; nicht bel\u00e4chelt oder im Regen stehen gelassen, sondern werden unterst\u00fctzt, ihnen wird geholfen und die Bev\u00f6lkerung freut sich \u00fcber deren Idee. Hier traf tats\u00e4chlich die richtige Idee in die richtige Zeit.<br \/>\nMeine sehr geehrten Damen und Herren,<br \/>\nin keinem Teil Deutschlands ballte sich die Zementindustrie auf so engem Raum wie im ehemaligen Kreis Beckum, dem heutigen s\u00fcdlichen Teil des Kreises Warendorf. In diesem entstand eine derartige r\u00e4umliche Geschlossenheit dieses Industriezweiges, dass man ohne \u00dcbertreibung hier den Begriff des &#8222;Reviers&#8220; benutzen kann. Heute pr\u00e4gen immer noch gro\u00dfe Steinbr\u00fcche, ehemalige Abbaufl\u00e4chen und ausgedehnte Fabrikanlagen die Landschaft um Beckum und Ennigerloh.<br \/>\nIn den Berichten zur Deutschen Landeskunde 1965 wird Beckum u. a. wie folgt beschrieben: &#8222;Am entferntesten (vom alten Kern), am Stadtrand, liegen die Zementfabriken mit den ins Auge fallenden Steinbr\u00fcchen und \u00d6dfl\u00e4chen. Mittlere Entfernungen nehmen die Maschinen- und Apparatebaufabriken ein, die sich in den Au\u00dfengebieten heute schon mit Zementwerken mischen. Einige dieser Fabriken wurden auf dem Gel\u00e4nde ehemaliger Zementwerke erbaut. Durch alte Bebauung, wei\u00dfe Kalkstaubschichten, Steinbr\u00fcche und alte Betonstra\u00dfen ist dieses der h\u00e4sslichste Stadtbezirk Beckums.&#8220;<br \/>\nZwar erscheint die Beschreibung etwas drastisch und w\u00fcrde in Zeiten heutiger Image- und Marketingaktivit\u00e4ten der Kommunen nicht mehr akzeptiert, doch unrichtig war die Darstellung nicht. Viele Beckumerinnen und Beckumer k\u00f6nnen sich noch gut daran erinnern, dass es Stra\u00dfenz\u00fcge und H\u00e4user gab, die fast st\u00e4ndig mit Kalkstaub belegt waren. Und wenn die gro\u00dfen Lastwagen herangefahren kamen, dann wirbelten sie auch immer eine Staubwolke vom Stra\u00dfenbelag auf. Legend\u00e4r sind auch die Erz\u00e4hlungen, dass man an bestimmten Tagen keine W\u00e4sche zum Trocknen nach drau\u00dfen h\u00e4ngen durfte, wenn man sie danach nicht noch einmal waschen wollte.<br \/>\nAber wie kam es eigentlich zum Kalkabbau und zur Zementproduktion?<br \/>\nDie zuf\u00e4lligen geologischen Voraussetzungen waren hier Ausschlag gebend. Geologisch geh\u00f6rt dieser Raum zur sogenannten Mukronatenstufe der Oberkreide; das ist etwa 75 Millionen Jahre her. Die Mukronatenkreide tritt in unterschiedlicher Konsistenz auf: W\u00e4hrend die Stromberger und die Vorhelmer Schichten qualitativ wenig ergiebig sind, weisen die weniger m\u00e4chtigen (20 m) Beckumer Schichten die gr\u00f6\u00dfte Verwertbarkeit auf. Morphologisch treten diese als Schichtstufe in Erscheinung. Die Grundbank befindet sich auf dem H\u00f6xberg in 154 m H\u00f6he \u00fc. NN, sinkt nach Norden ab, erreicht im Steinbruch &#8222;Elsa&#8220; in Neubeckum den tiefsten Punkt mit 82 m \u00fc. NN, um bis zum Finkenberg in Ennigerloh wieder auf 115 m \u00fc. NN anzusteigen. Der ganze Schichtpacken bildet, \u00e4hnlich wie das gesamte m\u00fcnsterl\u00e4ndische Kreideplateu, damit eine Mulde.<br \/>\nNachweislich schon im Mittelalter wurden die Kalk- und Mergellager ausgebeutet. Das Rohmaterial wurde in sog. &#8222;Kuhlen&#8220; zu\u00acmeist von Bauern gewonnen und an Ort und Stelle in einfachen Kalkbrand\u00f6fen verarbeitet. Sie nutzten dabei die nat\u00fcrliche Besonderheit, dass die Kalkschichten bis zu drei Meter an die Erdoberfl\u00e4che reichen. Diese Schichten kommen eigentlich im gesamten Stadtgebiet vor. Das erkl\u00e4rt auch die Konzentration der Werke an diesem Standort.<br \/>\nBis in die erste H\u00e4lfte des 19. Jh.s wurde mit Hammer, Hacke, Brecheisen, Handbohrer und Schaufel gearbeitet. Erst danach entwickelten sich st\u00e4rkere mechanische Produktionsmethoden, wie etwa die Nutzung von Baggern, oder der Einsatz von Sprengstoff und Steinbruchbahn.<br \/>\nAber nicht nur die Rohstofflagerst\u00e4tten waren wichtig, sondern auch optimierte Transportwege in Richtung der Absatzm\u00e4rkte, um das Massengut Zement m\u00f6glichst kosteng\u00fcnstig vertreiben zu k\u00f6nnen. F\u00fcr den s\u00fcdlichen Kreis Warendorf war und ist der Ballungsraum Ruhrgebiet als Absatzmarkt nat\u00fcrlich von au\u00dferordentlicher Bedeutung. Besonders wichtig f\u00fcr die Entwicklung war die Errichtung der Eisenbahnlinie K\u00f6ln-Minden 1847. Nun konnten erste gr\u00f6\u00dfere Kalkwerke entstehen, deren Produktion auch \u00fcber den heimischen Markt hinaus ab\u00acgesetzt werden konnten. Andererseits konnten nun mit der Bahn auch kosteng\u00fcnstige Brennstoffe (Kohle) ins Zementrevier importiert werden. An der Haltestation Werl entwickelte sich dann rund 50 Jahre sp\u00e4ter die Gemeinde Neubeckum. Man w\u00e4hlte \u00fcbrigens damals den Namen Neubeckum, um vom Image und Bekanntheitsgrad der Stadt Beckum profitieren zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDie Zementproduktion erhielt einen weiteren Schub, als 1903 die Westf\u00e4lische Landeseisenbahn das Revier \u00fcber Lippstadt mit Warstein verband. So konnte der hier gewonnene Massenkalk mit einem hohen Calcit-Gehalt (CaCo3) kosteng\u00fcnstig als Zuschlag zum Beckumer Rohmaterial (da mindere Qualit\u00e4t) transportiert werden.<br \/>\nDer Bau der ersten festen Rheinbr\u00fccke mit Kalk aus den Beckumer Bergen hat vermutlich zur Gr\u00fcndung des ersten Zementwerkes gef\u00fchrt. Die K\u00f6lner Firma Rheinisch-Westf\u00e4lische Industrie AG baute im Osten der Stadt 1872 das erste Werk. 12 Jahre sp\u00e4ter wurden hier schon 120 Arbeiter besch\u00e4ftigt, und war damit der gr\u00f6\u00dfte Arbeitgeber im Raum Beckum. Bis 1885 kamen weitere zwei Beckumer Werke hinzu und in Ennigerloh entstanden f\u00fcnf kleinere. 1887 wurde im Kirchspiel Beckum vom Wicking-Konzern das Werk Friedrichshorst gegr\u00fcndet.<br \/>\nBis 1915 folgten in Beckum weitere 29 Zementwerke, denen 1927 und 1930 jeweils ein weiteres folgte (Namen wie R\u00f6mer, Rhenania, Union, Finkenberg, Elsa, Anna und Mark sind einige Beispiele). 1912 waren in der Zementindustrie im heutigen S\u00fcdkreis Warendorf 2.405 Arbeiter besch\u00e4ftigt, das waren 39 % aller Besch\u00e4ftigten. Mit 33 Zementwerken im Jahre 1930 erreichte der Bestand sein Maximum: Das Beckumer Revier galt als gr\u00f6\u00dfte &#8222;Zementmulde&#8220; der Welt.<br \/>\nDann kam der Zweiten Weltkrieg und die Produktion reduzierte sich deutlich: Waren es 1939 noch 1,7 Mio. t im Jahr, wurden 1945 noch 134.000 t hergestellt. Aber bereits 1951 erreichte man Vorkriegsniveau, und weitere zehn Jahre sp\u00e4ter (Wiederaufbauphase) lag der Absatz bei 3,7 Mio. t.<br \/>\nZum Anfang des 20. Jh.s waren mit Abstand die meisten Besch\u00e4ftigten im Beckum noch in der Zement- und Kalkindustrie angestellt. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg \u00e4nderte sich das schnell, und schon 1950 arbeitete der gr\u00f6\u00dfte Arbeitnehmeranteil im aufstrebenden Maschinen- und Apparatebau. Und 1958 hatte die Maschinenbauindustrie schon doppelt so viel Besch\u00e4ftigte wie die Zementindustrie.<br \/>\nLange Zeit war die Zementindustrie ausgesprochen mittelst\u00e4ndisch organisiert. Von den 1962 produzierenden 15 Werken waren ganze 10 in Familienbesitz. Mit rd. 2.000 Besch\u00e4ftigten wurde ca. 60% der gesamten Zement- und Zementklinkerproduktion ganz Westfalens und rd. 12% Gesamtdeutschlands hergestellt. Bis 1986 ging die Zahl der Betriebe auf acht, mit zehn Produktionsanlagen weiter zur\u00fcck.<br \/>\nDieser R\u00fcckgang findet bis heute seine Fortsetzung. In einem der gr\u00f6\u00dften Werke deutschlandweit, dem Dyckerhoff-Zementwerk Mark II in Neubeckum, wurde wegen mangelnder Auslastung 2003 die Produktion eingestellt. 125 der bis dahin 140 Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz. Ende 2006 wurde das Werk endg\u00fcltig stillgelegt. Ein Teil der Anlagen, wie Brecheranlage und Rohm\u00fchle, wurde demontiert und in einem russischen Werk wieder zum Einsatz gebracht.<br \/>\nAuch im benachbarten Ahlen-Vorhelm wurde das ehemalige Zementwerk Bosenberg Mitte 2007 still gelegt. Eine \u00e4hnliche Entwicklung wurde dem ehemaligen Zementwerk Mersmann im Osten Beckums zu teil. Nach \u00dcbernahme der Firma Readymix durch die mexikanische Cemex konzentrierte sich die Produktion auf das bestehende Werk am Kollenbach. Dieses hat die Firma im April 2010 noch einmal durch eindrucksvolle Neuinvestitionen an diesem Standort unterstrichen.<br \/>\nAktuell produzieren gerade noch zwei Werke in Beckum und eines in Ennigerloh Zementklinker. Mit Ausnahme eines Werkes in Beckum befinden sich alle in Besitz weltweit agierender Konzerne (Cemex in Beckum, Heidelberger-Zement in Ennigerloh). Damit gingen auch die regionale und lokale Verantwortung und Identifikation verloren. Das Engagement dieser Firmen vor Ort hat sp\u00fcrbar nachgelassen. Lediglich das urspr\u00fcnglich 1914 gegr\u00fcndete Phoenix Zementwerk befindet sich noch in Familienbesitz, namentlich der Familie Krogbeumker. Es produziert derzeit rd. 500.000 t Zement, das Werk Kollenbach der Cemex rd. 1,0 Mio. t und das Werk Heidelberger in Ennigerloh rd. 1,2 Mio. t pro Jahr.<br \/>\nInsgesamt werden heute in Deutschland rd. 35 Mio. Tonnen pro Jahr produziert. Ein durchschnittlicher Exportanteil von rd. 8 Mio. Tonnen ist hier eingerechnet. Rd. 20 Mio. Tonnen werden in den alten Bundesl\u00e4ndern und rd. 5,5 Mio. Tonnen in den neuen Bundesl\u00e4ndern verbraucht. Insgesamt liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei 331 kg. Das Allzeithoch lag \u00fcbrigens in den 1970er Jahren, dort wurden rd. 37 Mio. Tonnen hergestellt. Danach ging der Absatz bis zur Wiedervereinigung auf rd. 27 Mio. Tonnen zur\u00fcck, und w\u00e4re wahrscheinlich noch weiter gesunken, wenn nicht die neuen Absatzm\u00e4rkte in Ostdeutschland dazugekommen w\u00e4ren.<br \/>\nDie Rohstoffbezogenheit verhindert h\u00e4ufig, dass Zementwerke in unmittelbarer N\u00e4he zu den Absatzm\u00e4rkten errichtet wurden. Zement ist ein frachtkostenintensives Gut, da es eine ung\u00fcnstige Relation zwischen Wert und Gewicht aufweist. Vereinfacht gesagt: die Herstellung einer Tonne Zement ist billiger als ihr Versand\/Transport. Daher verwundert es nicht, dass die Zementwerksstandorte in Deutschland fast ausschlie\u00dflich in unmittelbarer N\u00e4he zu Kalksteinvorkommen liegen.<br \/>\nDie durchschnittliche Mitarbeiterzahl hat sich je Werk in den letzten Jahren noch einmal reduziert: Waren im Jahre 2000 noch 174 Mitarbeiter je Zementwerk registriert, waren es 2008 nur noch 139. Dabei hat sich die Anzahl der Werke in Deutschland in den acht Jahren noch einmal reduziert, und zwar von 64 auf 56. In dieser Zeit ging auch der Jahresumsatz deutlich zur\u00fcck, konnte sich aber in den letzten Jahren wieder bei rd. 2,5 Mrd. \u20ac stabilisieren. Die Gesamtzahl der Besch\u00e4ftigten ging von gut 11.000 (2000) auf rd. 7.700 (2008) zur\u00fcck.<br \/>\nDie Produktivit\u00e4t jedes einzelnen Mitarbeiters ist in den letzten hundert Jahren gewaltig angestiegen. Wurden 1915 z.B. auf dem Werk Mersmann noch 180 t je Arbeiter und Jahr produziert (25.000 t bei 139 Mitarbeitern), waren es 1974 schon 3.370 t je Mitarbeiter (445.000 t bei 132 Mitarbeitern). In 60 Jahren stieg die Leistung um nicht weniger als das 20fache. Dieser Wert hat sich dann bis heute noch einmal verdoppelt. So werden aktuell im Werk Anneliese in Ennigerloh mit 175 Mitarbeitern rd. 1,2 Mio. t Zement j\u00e4hrlich hergestellt, was einer Leistung von 6.800 t je Mitarbeiter entspricht.<br \/>\nDer Anteil der Personalkosten hat sich in den letzten rd. 100 Jahren drastisch reduziert. Die beiden Standorte der Cemex AG mit rd. 230 und das Phoenix-Zementwerk mit 110 Mitarbeitern spielen, auf die Arbeitspl\u00e4tze bezogen, eine untergeordnete Rolle in der Stadt Beckum.<br \/>\nDer Maschinenbau, der zun\u00e4chst nur Ausr\u00fcster f\u00fcr die Zementindustrie war, wurde in Beckum zu DER bestimmenden Gr\u00f6\u00dfe. Man l\u00f6ste sich von der reinen Fixierung auf den Zement und suchte neue Absatzgebiete.<br \/>\nDer gr\u00f6\u00dfte Arbeitgeber in Beckum hat aber auch weiterhin mit Zement zu tun. Er baut n\u00e4mlich Zementwerke. Mit rd. 1100 Mitarbeitern ist die Fa. Polysius mit Abstand der gr\u00f6\u00dfte Arbeitgeber, gefolgt von den ehemaligen Zulieferern Beumer und M\u00f6llers. Der Baustoffhersteller Eternit nutzt in Beckum die N\u00e4he zu Zementproduktionsanlagen um die Transportkosten gering zu halten.<br \/>\nDer Einfluss der Zementindustrie auf diese Region war viele Jahrzehnte pr\u00e4gend. Heute m\u00fcssen wir feststellen, dass die Bedeutung dieses Industriezweiges r\u00fcckl\u00e4ufig ist. Auf vielen ehemaligen Produktions- und Abbaufl\u00e4chen sind mittlerweile sinnvolle Nachnutzungen entwickelt worden, wie beispielsweise Naherholungsgebiete (Phoenix) mit ausgedehnten Seenlandschaften. In der Vergangenheit wurden weitere L\u00f6sungen gefunden: So befinden sich z.B. das Beckumer Jahnstadion und die R\u00f6merkampfbahn in einem ehemaligen Steinbruch. \u00dcber Jahrzehnte wurden die Steinbr\u00fcche auch als M\u00fclldeponien genutzt. Aush\u00e4ngeschild der letzten Jahre ist das neue Wohnbaugebiet Ahlener Stra\u00dfe\/Vorhelmer Stra\u00dfe, welches ebenfalls in einem aufgef\u00fcllten Steinbruch angesiedelt wurde.<br \/>\nDie Zementindustrie wird aber immer Teil der spezifischen Beckumer Kulturlandschaft bleiben. Dabei unterliegt die Kulturlandschaft einem stetigen Wandel. In unserer schnelllebigen Zeit ist das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Kulturlandschaft, in der man lebt, mit ihren historisch gewachsenen Eigenarten wichtiger denn je. Dieses Wissen gibt den Menschen Orientierung in der Gegenwart und hilft, Entscheidungen f\u00fcr die Zukunft zu f\u00e4llen. Und hier sei auch ein Blick in meine wissenschaftliche Forschungsrichtung, der Geographie, gestattet: Geographen untersuchen die Ver\u00e4nderungen im Raum, in meinem Fall im Raum Westfalen. Mit Ver\u00f6ffentlichungen zur geographischen Landeskunde Westfalens versuchen wir, den Menschen die Kenntnisse und das Wissen \u00fcber unseren Landesteil zu vermitteln, die n\u00f6tig sind, um sich auch mit ihm zu identifizieren.<br \/>\nUnd hier komme ich an den Anfang zur\u00fcck. Diese Wissensvermittlung wird nun durch das neue Zementmuseum in der Stadt Beckum einen weiteren Anker finden. Schon jetzt sind viele Besuchergruppen und Schulklassen im Museum zu Gast gewesen. Das Interesse ist riesengro\u00df.<br \/>\nEiner der Gr\u00fcnde ist auch: Dass sich nun endlich auch die Beckumerinnen und Beckumer f\u00fcr die Zementgeschichte interessieren und sich mit ihr identifizieren.<br \/>\nBeckum ist mittlerweile stolz darauf, Zementrevier zu sein. Es ist endlich ein Alleinstellungsmerkmal auch f\u00fcr die Stadt gefunden worden: Zementrevier Beckum.<br \/>\nDadurch grenzen wir uns von anderen St\u00e4dten und Gemeinden ab. Und dieses Alleinstellungsmerkmal findet sozusagen seine praktische Wiedererkennung in den neuen R\u00e4umlichkeiten, die wir gleich einweihen werden.<br \/>\nDiese Marke &#8222;Zementrevier Beckum&#8220; wird uns im Bereich Freizeit und Tourismus weiterbringen und uns helfen, auch weiterhin ein moderner Industrie- und Dienstleistungsstandort zu sein.<br \/>\nUnd zum Schluss m\u00f6chte ich die Vision ansprechen, dass das Zementmuseum Beckum irgendwann einmal Teil des LWL-Industriemuseums bzw. Westf\u00e4lischen Landesmuseum f\u00fcr Industriekultur wird. Denn ich denke schon, dass wir ganz gut in die Auflistung der bisherigen Standorte passen: die Zechen Zollern, Hannover und Nachtigall, die Henrichsh\u00fctte Hattingen, das Schiffshebewerk Henrichenburg, das Ziegeleimuseum Lage und das Glasmuseum Gernheim in Petershagen sowie das Textilmuseum Bocholt.<br \/>\nAuf diesem Weg sind aber noch viele Schritte n\u00f6tig. Einen ganz kleinen beschreiten wir heute Nachmittag durch die Er\u00f6ffnung des Zementmuseums Beckum.<\/p>\n<p>Wir reden heute immer so viel von ehrenamtlichem Engagement oder B\u00fcrgerbeteiligung: Hier wurde dieses Engagement praktisch vorgelebt. Diese vier Aktivsenioren haben den Grundstein gelegt, im wahrsten Sinne des Wortes. Nat\u00fcrlich sind sie dabei auch gut begleitet worden: vom Heimat- und Geschichtsverein, der Stadt Beckum und vielen weiteren Sponsoren und Unterst\u00fctzern. Aber die Grundlage haben sie gelegt, und das sollten wir nicht vergessen!<br \/>\nIch w\u00fcnsche Ihnen bei der Er\u00f6ffnung viel Vergn\u00fcgen, und der Marke Zementrevier Beckum einen weiterhin guten Verlauf.<br \/>\nVielen Dank.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Festansprache zur Er\u00f6ffnung des Beckumer Zementmuseums am 12.05.2010 durch Dr. Rudolf Grothues, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Geographischen Kommission f\u00fcr Westfalen und stellv. B\u00fcrgermeister der Stadt Beckum: Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin gerne der Bitte nachgekommen, zur Er\u00f6ffnung des Beckumer Zementmuseums einen Festvortrag zum Thema \u201eStrukturwandel im Zementrevier\u201c zu halten. 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